Neue Investitionen, Energiepartnerschaften und strategische Zusammenarbeit: Der Besuch des emiratischen Präsidenten ist eine Chance für Deutschland. Entscheidend ist jedoch, was Politik und Unternehmen daraus machen.
Von Marc Kollmeier | Kollmeier Consulting
Stand: 12. September 2026
Vom 9. bis 11. September 2026 besuchte der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan, Deutschland auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Es war der erste Staatsbesuch eines emiratischen Präsidenten in Deutschland. Im Mittelpunkt stand der Ausbau der wirtschaftlichen, technologischen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit.
Für mich ist dieser Besuch mehr als ein diplomatisches Ereignis. Er ist ein Anlass, eine wichtige unternehmerische Frage neu zu stellen:
Wie lassen sich deutsche Unternehmenskompetenz und die Investitions- und Entwicklungsmöglichkeiten der Emirate sinnvoll miteinander verbinden?
Die Antwort liegt weder in einer pauschalen Verklärung Dubais noch im Abschreiben Deutschlands. Sie liegt in einer nüchternen Bewertung von Stärken, Schwächen und gemeinsamen Interessen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate haben ein Investitionspaket über 40 Milliarden Euro in Deutschland angekündigt. Zu den vorgesehenen Bereichen gehört die digitale Infrastruktur, insbesondere die Entwicklung neuer Rechenzentren. Gleichzeitig wurde die Unterzeichnung von 29 Absichtserklärungen und Vereinbarungen zwischen Unternehmen beider Länder mit einem ausgewiesenen Gesamtvolumen von mehr als 9,3 Milliarden Euro bekannt gegeben.
Ein geplanter deutsch-emiratischer Investitionsrat soll die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und staatlichen Stellen unterstützen. Ein neues strategisches Dialogformat soll die Partnerschaft auch über einzelne Projekte hinaus voranbringen.
Das sind bemerkenswerte Ankündigungen. Trotzdem gehört zur wirtschaftlichen Einordnung eine klare Unterscheidung: Angekündigtes Kapital ist noch kein tatsächlich investiertes Kapital. Eine Absichtserklärung ist noch kein fertiggestelltes Projekt.
Entscheidend werden deshalb Finanzierung, Vertragsabschlüsse, Genehmigungen und Umsetzung sein. Unterschiedliche Paket- und Projektvolumina sollten zudem nicht ungeprüft zu einer vermeintlichen Gesamtsumme addiert werden.
Der Erfolg dieses Staatsbesuchs wird sich nicht an der Zahl der unterzeichneten Dokumente messen lassen, sondern an der daraus entstehenden Wertschöpfung.
Die emiratische Seite verweist ausdrücklich auf Deutschlands industrielle, technologische und wissenschaftliche Fähigkeiten. Die Zusammenarbeit soll zugleich dazu beitragen, die eigene wissens- und innovationsorientierte Wirtschaft weiterzuentwickeln. Zu den genannten Schwerpunkten gehören Industrie, fortschrittliche Technologien, künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur und Energie.
Meine Interpretation lautet: Hier geht es nicht nur darum, Geld anzulegen. Es geht darum, Kapital mit Kompetenzen zu verbinden, Partnerschaften aufzubauen und langfristig an relevanten Wirtschaftsfeldern beteiligt zu sein.
Darin liegt eine wichtige strategische Lehre für Unternehmer. Eine Investition sollte nicht ausschließlich danach beurteilt werden, welche Rendite sie kurzfristig verspricht. Ebenso wichtig ist, welche Fähigkeiten, Kundenbeziehungen und Marktpositionen sie langfristig ermöglicht.
Die entscheidende Frage lautet also nicht nur: „Was bringt uns dieses Geschäft heute?“
Sondern auch: „Welche Möglichkeiten eröffnet es uns morgen?“
Wer aus dem Besuch ableitet, Deutschland sei wirtschaftlich bedeutungslos geworden, übersieht den ausdrücklich genannten Grund des emiratischen Engagements: das Interesse an vorhandener Industrie-, Technologie- und Innovationskompetenz. Umgekehrt wäre es ebenso voreilig, die Investitionsankündigung als Beweis dafür zu betrachten, dass am Standort Deutschland alles richtig läuft.
Beides kann gleichzeitig zutreffen: Ein Land verfügt über attraktive Unternehmen, und seine Rahmenbedingungen erschweren deren Entwicklung.
Die DIHK-Konjunkturumfrage vom Frühsommer 2026 verdeutlicht diese Spannung. Unter den mehr als 23.000 beteiligten Unternehmen nannten 70 Prozent Energie- und Rohstoffpreise als Geschäftsrisiko. 58 Prozent verwiesen auf die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Die Erhebung dokumentierte zudem eine deutliche Zurückhaltung bei Investitionen.
Meine Schlussfolgerung daraus ist klar:
Ausländisches Kapital kann wirtschaftliche Entwicklung unterstützen. Es ersetzt keine verlässliche Standortpolitik.
Deutschland sollte internationale Investoren willkommen heißen. Gleichzeitig müssen die Bedingungen stimmen, damit auch bestehende Unternehmen wieder mit Überzeugung investieren können.
Dazu gehören aus meiner Sicht nachvollziehbare Regeln, verlässliche Entscheidungen, wirtschaftlich tragfähige Energiekonzepte und Genehmigungsverfahren, deren Dauer sich planen lässt.
Wer neue Rechenzentren ankündigt, muss auch über Stromversorgung, Netzanschlüsse und Umsetzung sprechen. Wer industrielle Investitionen gewinnen möchte, muss deren Wirtschaftlichkeit ermöglichen.
Ein Staatsbankett kann Beziehungen stärken. Einen Investitionsstandort wettbewerbsfähig machen muss die tägliche Arbeit danach.
Ein konkretes Beispiel für die neue Zusammenarbeit liefern RWE und emiratische Energieunternehmen. RWE und Masdar wollen eine gemeinsame Beteiligung an deutschen Offshore-Windausschreibungen 2027 prüfen. RWE und ADNOC haben außerdem eine Absichtserklärung zur Weiterentwicklung möglicher langfristiger Flüssiggaslieferungen unterzeichnet. Die darin vorgesehenen Lieferungen sollen Anfang der 2030er-Jahre beginnen.
Diese Vorhaben zeigen langfristige Perspektiven. Sie sollten aber nicht als sofortige Lösung für aktuelle Versorgungs- oder Preisprobleme dargestellt werden.
Auch die Sicherheitslage gehört zum Hintergrund des Besuchs. In ihrer gemeinsamen Erklärung verurteilten beide Seiten iranische Angriffe auf die Emirate und andere Staaten der Region sowie die Behinderung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus.
Für Unternehmen folgt daraus eine wichtige Unterscheidung: Zusätzliche Partnerschaften können Abhängigkeiten reduzieren. Sie beseitigen geopolitische Risiken aber nicht automatisch.
Eine belastbare Strategie besteht nicht darin, eine einzige Abhängigkeit gegen eine andere auszutauschen. Sie schafft Alternativen.
Die Schlagzeilen handeln von Milliardenbeträgen und Großunternehmen. Für mittelständische Betriebe ist jedoch eine andere Frage entscheidend: Wo könnte aus der vertieften Zusammenarbeit ein konkretes Geschäft entstehen?
Aus meiner Sicht sollten Unternehmer drei Prüfungen vornehmen.
Bevor ein Unternehmen über einen Standort in Dubai oder einen emiratischen Investor nachdenkt, sollte es seinen eigenen Mehrwert präzise beschreiben können.
Welches Problem löst das Produkt? Für welche Kunden ist die Leistung besonders wertvoll? Welche Kompetenz lässt sich international einsetzen? Und welche Anpassungen wären dafür notwendig?
Die angekündigten Projekte in Energie und digitaler Infrastruktur liefern mögliche Ansatzpunkte für eine solche Prüfung. Daraus können sich beispielsweise Aufgaben für spezialisierte Zulieferer, technische Dienstleister oder Projektpartner ergeben. Das ist eine unternehmerische Möglichkeit, keine Zusage über bereits verfügbare Aufträge.
Politische Aufmerksamkeit öffnet nicht automatisch einen Absatzmarkt. Ein überzeugendes Angebot bleibt die Voraussetzung.
Ein internationaler Partner ist nicht allein deshalb attraktiv, weil er Kapital mitbringt.
Zu prüfen ist, ob er darüber hinaus Zugang zu Kunden, Umsetzungskompetenz, technisches Wissen oder ein belastbares Netzwerk beiträgt. Ebenso wichtig ist, ob Ziele, Entscheidungswege und zeitliche Erwartungen zusammenpassen.
Für manche Unternehmen kann eine Vertriebskooperation sinnvoll sein. Für andere ein gemeinsames Projekt oder eine Beteiligung. Eine eigene Gesellschaft im Ausland ist dagegen nicht zwangsläufig der beste erste Schritt.
Meine Empfehlung: Zunächst den geschäftlichen Nutzen klären, anschließend die passende Struktur wählen.
Die Frage muss nicht lauten: „Deutschland oder Dubai?“
Sie kann lauten: „Welche Aufgabe unseres Unternehmens gehört an welchen Standort?“
Ein denkbares Modell wäre, Entwicklung und spezialisierte Leistungen in Deutschland zu belassen und den regionalen Vertrieb oder die Betreuung bestimmter Kunden über einen zusätzlichen Standort zu organisieren.
Ob sich das rechnet, hängt vom einzelnen Unternehmen ab: von Nachfrage, Personal, laufenden Kosten, Führung, Finanzierung und den rechtlichen Voraussetzungen.
Internationalisierung sollte deshalb nicht aus Frustration beginnen. Sie sollte aus einer belastbaren wirtschaftlichen Überlegung entstehen.
Bei aller Offenheit für neue Partnerschaften dürfen Risiken nicht ausgeblendet werden. Gerade bei Technologie, Daten, kritischer Infrastruktur und Beteiligungen sollte früh geklärt werden, wer welche Rechte, Informationen und Entscheidungsmöglichkeiten erhält.
Wirtschaftliche Chancen sollten zudem nicht dazu führen, Menschenrechtsfragen, Sicherheitsinteressen oder Reputationsrisiken auszuklammern. Eine verantwortungsvolle Partnerschaft muss auch einer kritischen Prüfung standhalten.
Wie wichtig die Unterscheidung zwischen politischer Absicht und geltender Regelung ist, zeigt ein weiteres Detail des Besuchs: Die gemeinsame Erklärung nennt noch laufende Verhandlungen über ein Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung. Sie verkündet damit nicht das Inkrafttreten eines neuen Abkommens.
Für konkrete grenzüberschreitende Vorhaben sollten die jeweils geltenden rechtlichen und steuerlichen Bedingungen deshalb individuell geprüft werden.
Eine gute Strategie berücksichtigt nicht nur den möglichen Gewinn, sondern auch die Bedingungen, unter denen er entstehen soll.
Ich begrüße den Staatsbesuch und die damit verbundene wirtschaftliche Annäherung. Für mich ist sie weder ein Rettungsszenario noch ein Anlass zur Selbstzufriedenheit.
Sie ist eine Chance, aus unterschiedlichen Stärken gemeinsame Projekte zu entwickeln.
Die Aufgabe der Politik besteht darin, dafür belastbare Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Aufgabe der Unternehmen besteht darin, aus einem politischen Signal einen wirtschaftlich sinnvollen nächsten Schritt abzuleiten.
Dabei halte ich weder pauschale Abwanderungsempfehlungen noch ein unkritisches Festhalten an bestehenden Strukturen für überzeugend.
Entscheidend ist nicht, welches Land man besser findet. Entscheidend ist, welche Aufstellung das eigene Unternehmen stärker macht.
Kollmeier Consulting unterstützt Unternehmer dabei, Geschäftsmodelle, Standortentscheidungen und internationale Entwicklungsmöglichkeiten wirtschaftlich einzuordnen.
Mit meiner unternehmerischen Tätigkeit in Deutschland und Dubai verbinde ich beide Perspektiven. Im Mittelpunkt stehen eine klare Analyse, realistische Handlungsoptionen und eine Umsetzung, die zum Unternehmen passt.
Sie prüfen eine Kooperation, einen zusätzlichen Standort oder eine strategische Neuausrichtung? Lassen Sie uns gemeinsam klären, welcher nächste Schritt für Ihr Unternehmen sinnvoll ist.